Semana Santa und Santuario de los Gitanos

Was ein Titel, ja, ich erkläre es auch gleich. Also, mit Semana Santa ist die Karwoche hier im spanischen Sevilla gemeint. El Santuario de los Gitanos bezeichnet das Heiligtum der Zigeuner. Nun ja, werdet ihr jetzt sagen, das hört sich stark nach Indiana Jones an. Darum geht es aber nicht. Wovon ich berichten möchte ist die Prozession der Bruderschaft der Zigeuner in der Nacht vom Gründonnerstag zum Karfreitag.

Die Zigeuner ziehen jedes Jahr in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag mit ihrem Jesus und ihrer Maria aus ihrer Kirche aus, um durch die Kathedrale zu ziehen und am nächsten Tag gegen Mittag zurück in ihre Kirche zu kehren. Die Zeit des Auszuges der Gitanos wird Madrugada – Morgengrauen – genannt. Die Bruderschaft der Gitanos wurde im Jahre 1753 gegründet, seitdem nehmen sie an den Prozessionen der Karwoche teil. Der Weg wird wie folgt beschrieben: Jesus läuft mit dem geschulterten Kreuz zum Berg der Leiden, wo er gekreuzigt werden wird. Im Römerbrief (1,4) steht hierzu: „La promesa era relativa a su Hijo, Jesucristo Señor nuestro, descendiente de David según la carne, pero constituido Hijo de Dios con poder, según el Esppíritu de santidad, por su resurrección de entre los muertos“. So heißt es in dem Auszug, der anlässlich des diesjährigen Festes verbreitet wurde. Es gibt 6500 Brüder in der Bruderschaft, aber nur 1700 haben dieses Jahr an der Prozession aktiv teilgenommen. Sie tragen weiße Tuniken mit einer veilchenblauen Kapuze. Begleitet wird die Prozession von einer Musikkapelle.

Diese Prozession ist jedes Jahr von neuem ein Ereignis der besonderen Art. Na klar, ich war dabei, ich habe bis 4 Uhr morgens auf der Strasse ausgeharrt, um den Jesus an mir vorbeiziehen zu sehen. Der Jesus der Gitanos ist fast schwarz, was allein schon eine Besonderheit ist. Was mich aber am meisten beeindruckt, ist das Publikum.

Es ist nicht so, als ob ich mich über Gläubige lustig machen möchte, das sicher nicht. Es ist einfach so, dass ich eine derartige Mischung aus Menschen sonst nicht im Zentrum von Sevilla sehe. Kurz zur Erklärung, fast jeder hat eine gewisse Vorstellung, wie Zigeuner aussehen. Das ist normal. Oft stimmt dieses Bild aber nicht mit der Realität überein. Doch diejenigen, die ich in der Nacht vom Gründonnerstag zum Karfreitag auf die Prozession habe Warten sehen, die waren außergewöhnlich. Es gab für jedes Vorurteil mindestens eine Gruppe von Zigeunern, die diese übertroffen haben.

Es gab Mädels im Alter von 13 bis 15 Jahren, die derartig aufgedonnert waren, dass sie ohne Probleme für 30 durchgegangen wären und wenn sie dir dann erzählen würden, dass sie seit 20 Jahren im Puff arbeiten, würde das niemand bezweifeln. Sie waren laut, ordinär und so grell, dass sie sogar in der Nacht leuchteten. Das hört sich böse an, ist aber wirklich nicht übertrieben. Dann waren da natürlich auch die Mütter mit ihren Töchtern, die Schwestern hätten sein können und vermutlich ist der Altersunterschied auch nicht mehr als 14 oder 16 Jahre zwischen ihnen gewesen. Sie ähnelten einander so sehr, dass es zum Fürchten war. Es gab Mädels, die Ohrringe trugen, die an Größe nicht zu übertreffen sind. Dann waren da die Jugendlichen, die mit Goldkettchen, Kippe im Mund, auffälligem Handy und hippen Klamotten sich lauthals präsentiert haben.

Insgesamt muss ich feststellen, dass alle Anwesenden auf ihr Äußeres großen Wert gelegt haben, Schmuck und Kleidung gehören ganz offensichtlich zur Selbstdarstellung. Ich habe selten so aggressiven und auffälligen Schmuck gesehen. Aber auch ihr Verhalten war extrem auffällig. Einerseits ist es immer schwer zu sagen, dass sich eine Gruppe von Menschen so oder so verhält, andererseits wissen wir, dass es eine Tatsache ist, dass sich bestimmte Menschen in bestimmten Kontexten auf gewisse Art und Weise verhalten. So auch Zigeuner, sie haben eine eigene Kultur, die sich eindeutig von der spanischen abgrenzt und unterscheidet. Was in Filmen gezeigt wird, das ist immer eine abgeschwächte Variante der Realität. Aber die Realität ist nicht darzustellen, jeder würde Lügner geheißen werden, der es nur im Ansatz versucht.

Es fällt mir schwer die Situation wiederzugeben, ich kann nur mit Mühe neutral berichten, positive oder wohlwollende Worte habe ich nicht wirklich. Um ehrlich zu sein, ich bin sprachlos. Zigeuner sind ein Teil der spanischen Kultur, wie wir sie aus deutscher Sicht sehen, doch wir haben keinen Schimmer, was Zigeuner sind oder was deren Kultur wirklich umfasst. Die Zigeuner, die ich an diesem Tag in Sevilla gesehen habe sind keine homogene Gruppe. Sie sind eine stark tradionsgebundene und hierarchisch organisierte Gesellschaft, die mit der Gesellschaft, in der sie leben kaum etwas gemein haben. Aber als der Jesus auf seiner Tragebühne ankam, da haben sie wie jeder andere Spanier es getan hätte Fotoapparate und Kameras an Handys eingesetzt, um ihr Götzenbild festzuhalten, um zu zeigen, dass sie da waren, dass sie teilhatten. Sie waren still, ehrfurchtsvoll haben applaudiert und die Nacht genossen.

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Ein Gedanke zu “Semana Santa und Santuario de los Gitanos

  1. Hallo,

    das klingt ja nicht so, als hätt ich mich da wohlfühlen können… Ich fürchte, dazu bin ich zu traditionell. Ich verbinde mit den großen christlichen Festtagen immer Demut, und eine Zeit, in der man nachdenken und dankbar sein sollte. Zumindest ist es für mich so, und mit Lärm und grellem Auftreten kann ich da eher schlecht umgehen.

    Aber immerhin war es allen Menschen die dort waren doch wichtig, sonst wären sie nicht hingegangen, ganz gleich wie sie sich auch gegeben haben. Und ich denke, darauf kommt es am Ende wirklich an.

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