Eine Anekdote zur Geographie

Eine liebe Freundin – Maria – erzählte mir gestern, dass sie mit einer Freundinnen in Madrid gewesen ist. Etwas in ihrer Art hat mir gesagt, dass es ihr wichtig war davon zu erzählen. Also habe ich nachgefragt, was passiert ist. Und Maria hat sofort ganz bereitwillig angefangen von ihrem Ausflug nach Madrid zu erzählen.

Sie waren dort, um zur jährlich stattfindenden Arco zu gehen, einer Ausstellung und Messe für zeitgenössische Kunst. Das waren sie auch und es hat ihnen ganz außerordentlich gut gefallen. Es hat mich überrascht, dass die zwei Interesse an Kunst haben, aber es ist immer schön etwas über seine Freunde zu erfahren, was bisher unbekannt war.

Das war aber nicht der einzige Zweck ihrer Reise. Sie wollten auch einkaufen gehen. Ja, das klang schon wieder ehr nach den beiden. Sie lieben Klamotten und alle Kleinigkeiten, die man käuflich erwerben, aber zu nichts gebrauchen kann. Soweit ist das alles nichts Außergewöhnliches.

Wobei! Beim Einkaufen sind sie in ein Geschäft gekommen und haben sich, wie unter Spaniern üblich, lautstark unterhalten. Der Laden sei ziemlich leer gewesen, außer ihnen gab es nur einen weiteren Kunden. Die Verkäuferin hatte also viel Zeit den beiden zuzuhören.

Die Verkäuferin hat dann gefragt: „Seid ihr aus dem Norden?“ Maria hat mir noch immer entsetzt gesagt, dass sie ganz wahrheitsgemäß geantwortet habe: „Nein, wir sind aus dem Süden, aus Andalusien. Meine Freundin ist aus Malaga und ich bin aus Sevilla.“ Und was antwortet die Verkäuferin? Sie sagt lächelnd: „Ja, das sage ich doch, aus dem Norden von Afrika.“

Ich kann mir das Lachen nur schwer verkneifen und ich weiß, dass Maria es auch weiß. Sie kennt mich gut und wusste, dass ich so reagieren würde, trotzdem hat sie es mir erzählt. Jetzt verstehe ich das volle Ausmaß von Marias Entsetzen. Sie will nicht mit einer Afrikanerin verglichen werden. Sie sieht sich als Spanierin und sieht in der Behauptung aus dem Norden von Afrika zu kommen eine Beleidigung.

Das hat sicher etwas mit nationalem Bewusstsein oder auch Patriotismus zu tun, aber weder mit Rassismus noch Ausländerfeindlichkeit. Sie ist stolz Spanierin zu sein. Klar, sie ist Sevillana. Andalusien und Sevilla sind ihre Heimat. Hier ist sie geboren und hier hat sie die längste Zeit gelebt. Sie ist mit einem Amerikaner verheiratet, den sie in Amerika kennen gelernt hat.

Es ist die alte Geschichte, nach dem Studium ist sie ins Ausland gegangen, um dort Arbeitserfahrungen zu sammeln, hat ihn kennen und lieben gelernt. Sie haben geheiratet und inzwischen zwei Kinder. Die Kinder gehen zurzeit in Sevilla zur Schule, um auch in der 2. Muttersprache fit zu sein. Und jetzt das. Maria wird als Afrikanerin bezeichnet.

Das ist nicht nur für Maria ein Denkanstoß, auch ich beginne zu überlegen. Ja, meine erste Reaktion war Lachen. Ja, ich habe es als komisch und lustig empfunden, dass Maria und ihre Freundin als Afrikanerinnen bezeichnet worden sind.

Bei näherem Überlegen fallen mir verschiedene Dinge dazu ein:

1. Andalusien war die letzte Region, welche die katholischen Könige 1492 zurückerobert haben.

2. Viele der Mauren, Afrikaner oder einfach Nicht-Christen, die zur Zeit der Reconquista im heutigen Spanien lebten, sind konvertiert und geblieben. Sie mussten bleiben, denn ohne sie wäre das Land zusammengebrochen. Ohne die ehemaligen Besatzer hätte es keine Landwirtschaft, keine Architektur, keine Administration, keine Wissenschaft, keine Philosophie und keine Kultur gegeben.

3. Viele Menschen haben noch heute Namen, die eindeutig auf konvertierte Araber verweisen.

4. Im 19. Jahrhundert, als der Imperialismus seine Blüte erlebte, hat Joaquín Costa vor einem Geographenverein einen Vortrag gehalten und die Nähe Spaniens zu Marokko und dem Norden Afrikas dargelegt, die Gemeinsamkeiten aufgezählt und somit eine Trennung verneint.

Aber zurück zu Maria und ihrer Freundin. Beide sehen wie Marokkanerinnen aus. Sie sprechen Dialekt und viele Spanier sehen nicht nur, aber auch auf Andalusien herab. Eine übliche Beleidigung für Andalusier ist es, sie als Afrikaner oder Araber zu bezeichnen. Warum das so ist? Ob es einen Kern Wahrheit gibt? Tja, das ist schwer zu sagen. Sicher ist, dass hier schon wegen des Wetters die Uhren etwas anders ticken. Das heißt aber nicht, dass die Menschen sich von anderen Spaniern unterscheiden.

Welche Vorurteile oder Behauptungen ist dem Vorwurf Afrikaner oder Araber zu sein implizit enthalten? Da gibt es extrem viele. Einerseits wird damit zum Ausdruck gebracht, dass man die bezeichnete Person für faul, arbeitsunwillig, ungebildet, dumm und ignorant hält. Andererseits werden die Menschen dadurch zu exotischen Wesen aus der Vergangenheit mit extremistischen Tendenzen. Aber die Essenz ist, dass sie nicht als Teil des Ganzen anerkannt werden.

Es gibt mit Sicherheit Unterschiede in der Mentalität, der historischen Entwicklung, Erfahrungen und vielem mehr. Trotzdem muss klar gesagt werden, dass die Menschen hier weder fauler, noch dümmer oder sonst schlechter als andere Spanier oder Madrilenen sind. Und das heißt, Spanier sind weniger effektiv in dem, was sie tun als viele andere Europäer.

Doch wie soll ich das Maria erklären, ohne dass sie sich angegriffen fühlt. Es ist nicht so, als ob ihr das alles völlig fremd wäre, aber es ist einfach ein Unterschied, ob sie als Spanierin das sagt oder ich als Ausländerin.

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